Möglichkeiten zur Innovation von Geschäftsmodellen in der Biopharmaindustrie

Extern ausgerichtete Geschäftsmodelle werden mit zunehmender technischer Komplexität immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Da ich einen Großteil meiner bisherigen beruflichen Laufbahn in der biopharmazeutischen Industrie verbracht und dabei diverse Positionen von Vertrieb über Vertriebsleitung bis hin zur Kommerzialisierung der akademischen Grundlagenforschung innehatte, interessiert mich nun die Möglichkeit der Entwicklung eines „besseren“ Geschäftsmodells. Das heißt, dass ich nach Möglichkeiten suchen möchte, wie lebensverändernde Therapien kostengünstiger und in kürzerer Zeit als bisher vermarktet werden können.

Innovationen auf diesem Gebiet könnten mit erheblichen Vorteilen einhergehen. Momentan kann es bis zu zehn Jahre dauern und Milliarden von Dollar kosten, bis eine vielversprechende Idee den Weg vom Labor in die Regale der Apotheken findet. Innovationen könnten hier für Millionen von Patienten wichtige Veränderungen bedeuten. Die Herausforderung dabei besteht jedoch darin, dass dieser Industriezweig der weltweit aufwendigste und forschungsintensivste ist – eine Tatsache, die sich noch dadurch verstärkt, dass Biotechnologien an Komplexität und Bandbreite zunehmen. Die gegenwärtigen Geschäftsmodelle bereiten Unternehmen in diesem komplexen und vielfältigen Umfeld häufig Probleme. In einem Interview mit der Zeitschrift Nature Biotechnology aus dem Jahr 2008 sagte Prof. Ray Hill, früherer geschäftsführender Direktor und Leiter der Abteilungen Zulassung und Externe Forschung bei Merck, zum Thema externe Partnerschaften: „Berechnungen zufolge können wir bei Merck selbst mit etwa 10.000 Mitarbeitern in Forschung und Entwicklung nur etwa ein Prozent der Forschung betreiben, die eigentlich notwendig wäre. Im vergangenen Jahr zogen wir beispielsweise etwa 5.000 potenzielle Geschäftsmöglichkeiten in Betracht und schlossen letztlich über alle Bereiche hinweg – Partnerschaften, Akquisitionen, Zulassungen – ganze 53 Verträge.“

Aufgrund der demografischen Entwicklung und der Globalisierung üben die Regierungen immer mehr Druck auf die Biopharma-Unternehmen aus. Diese sollen die teuren technischen Innovationen zahlen.


Ich erforsche in der ersten von drei kumulativen Arbeiten zu diesem Thema, die jetzt im Journal of Commercial Biology (s.u.) veröffentlicht wurde, fünf wichtige Felder, in denen sich Möglichkeiten zur Innovation von Geschäftsmodellen finden:

  • Eine externe Innovationsorientierung – Das Überleben eines Unternehmens im Zusammenhang mit Innovationen liegt in seiner Fähigkeit, Ideen außerhalb des Unternehmen zu finden, festzuhalten und zu nutzen.
  • Entwicklung von Lernfähigkeit – Die Fähigkeit, außerhalb des Unternehmens gefundene Chancen zu erkennen, zu ergreifen und zu nutzen, ist von vielen strukturellen und menschlichen Faktoren getrieben, die ein Unternehmen in seinem Geschäftsmodell optimieren muss.
  • Beteiligung in einem Cluster – Die Einbettung der Aktivitäten eines Unternehmens in einen geografischen Cluster Gleichgesinnter mit relevanten Technologien ist wichtig zum Zwecke der Sensibilisierung für Chancen und Ressourceneffizienz.
  • Ein qualifiziertes Team in der Unternehmensführung – Technisch versierte Manager sind entscheidend für den Aufbau eines erfolgreichen Unternehmens in diesem komplexen Umfeld. Leider gibt es zu wenige von ihnen.
  • Starke Führung der Organisation – Obwohl Flexibilität ein wichtiger Faktor ist, sind stabile und effiziente Richtlinien und Feedback-Mechanismen notwendig, um mehr Effizienz in das verschachtelte Geflecht der täglichen Abläufe innerhalb dieses oftmals chaotischen Systems zu bringen.

Insgesamt liegen die Chancen für die Innovation von Geschäftsmodellen in wissensintensiven Branchen wie der Biopharmaindustrie in der Fähigkeit des jeweiligen Geschäftsmodells, die fünf genannten Instrumente zu maximieren. Unternehmen, welche dies berücksichtigen, eröffnen sich Möglichkeiten, die sowohl ihren Innovationserfolg vorantreiben und, viel wichtiger, etwas im Leben der Menschen bewegen. In diesem Zusammenhang sei an die Erfolgsgeschichte des Antibiotikums Daptomycin erinnert. Nach dessen Entdeckung in den 80er Jahren gab Eli Lilly den Wirkstoff auf und stellte ihn zurück, da das Mittel über ein gefährlich kleines therapeutisches Fenster verfügte. Bei einer wissenschaftlichen Konferenz im Jahr 1996 wurden Forscher des damals neu gegründeten Biopharmaunternehmens Cubist unerwartet auf Daptomycin aufmerksam. Cubist erkannte das Potenzial des Wirkstoffes, verhandelte mit Eli Lilly über den Verkauf und entwickelte das Mittel erfolgreich weiter. Seitdem ist es eines der kommerziell erfolgreichsten und therapeutisch bedeutendsten intravenösen Antibiotika, die je in den USA auf den Markt gebracht wurden.

Da die Wissensbasis zu Biopharmaka ständig wächst und komplexer wird, während die Quellen dieses Fachwissens gleichzeitig zunehmend auf tausende von Unternehmen und Hochschulen auf der ganzen Welt verstreut sind, erfordert Innovation eine größere externe Ausrichtung. Wir brauchen Geschäftsmodelle, die hierauf gut abgestimmt sind.

 

Wenn Sie mehr zu den Untersuchungsergebnissen erfahren möchten, finden Sie die Studie, auf der dieser Artikel basiert, unter:

Downs, J. B., & Velamuri, V. (2016). Business Model Innovation Opportunities for the Biopharmaceutical Industry: A Systematic Review. Journal of Commercial Biotechnology, 22(3), 19–63.

www.hhl.de/publikationen

 

James B. Downs

James B. Downs

James B. Downs ist Doktorand an der HHL Leipzig Graduate School of Management in Leipzig. Er verfügt über 15 Jahre Erfahrung in diversen Management-Positionen in der Biopharmaindustrie, unter anderem bei Pfizer Inc. in den USA sowie verschiedenen Biotech-Startups in Deutschland. Seine Forschung konzentriert sich auf Management und Geschäftsmodellinnovation in der Biopharmaindustrie.

Jun.-Prof. Dr. Vivek K. Velamuri ist der Schumpeter-Juniorprofessor für Entrepreneurship und Technologietransfer an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er promovierte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Forschung konzentriert sich gegenwärtig auf Geschäftsmodelle, offene Innovation und Servitization-Strategien. www.hhl.de/entrepreneurship

Über den Autor

Lis Schulz
Online Marketing Manager an der HHL