Jetzt geht es los

Der erste „Große“ macht RB Leipzig seine Aufwartung: Die vermeintlichen Unterschiede und offensichtlichen Gemeinsamkeiten zwischen Borussia Dortmund und RB Leipzig

 

Ein Interview mit Prof. Dr. Henning Zülch

Henning Zülch ist Inhaber des Lehrstuhls Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. In seiner Forschung beschäftigt sich der gebürtige Dortmunder neben der Finanzmarktkommunikation mit der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien auf die erfolgreiche Führung von Sportvereinen.

 

RB Leipzig spielt in seinem ersten Heimspiel gegen einen „Großen“ der Bundesliga, den BVB. Welche Bedeutung hat dieses Spiel für Leipzig und die Bundesliga?

ZÜLCH: Mit dem Heimauftakt gegen den BVB beginnt das, was RB Leipzig immer erreichen wollte: man spielt im Konzert der Großen mit. Mit dem Aufstieg in die erste Bundesliga hat man bewiesen, dass man mitspielen kann. Das Spiel wird zeigen, wieviel noch fehlt, um das ganz große Ziel, nämlich Titel zu gewinnen, zu erreichen. Für die Stadt wird es ein Fußballfest. Trotz der Absage der sog. Ultras nutzen viele Fans des BVB die Chance, ihren Verein hautnah zu erleben. Ein WM-Feeling wie 2006 wird am Spieltag die Stadt erfüllen. Zudem gewinnt die Bundesliga mit RB Leipzig einen „Verein“, der innovativ ist und die neuen Bedürfnisse der Zuschauer befriedigt. Es ist sozusagen ein Start-Up-Unternehmen aus Sachsen mit viel Potenzial, um welches sich die Investoren aus der „Höhle der Löwen“ reißen würden.

… und welche Bedeutung hat das Spiel für Sie persönlich?

ZÜLCH: Für mich persönlich ist dieses Spiel etwas ganz Besonderes. Seit zehn Jahren warte ich darauf, dass mein Heimatverein hier in Leipzig aufspielt. Jetzt klappt es endlich! Wir werden diesen Tag mit der extra angereisten Familie, Freunden und Bekannten gebührend begehen.

In den letzten Jahren kam immer wieder Kritik zum Projekt RB Leipzig auf von Seiten der Dortmunder: allen voran Herrn Watzke, der kein Freund von RB Leipzig zu sein scheint. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

ZÜLCH: Bei aller Liebe für den BVB, muss ich gestehen, dass ich die ganze Diskussion nicht mehr hören kann. Fußball ist ein großes Geschäft geworden. Dies sieht man u.a., wenn man sich einmal die Geschäftsberichte von Dortmund und den Bayern anschaut. Es werden Summen in unvorstellbarem Ausmaß bewegt und der Verein ist kein Verein mehr im klassischen Sinne; die Clubs sind Unternehmen, welche sich den Marktgepflogenheiten, d.h. Angebot und Nachfrage, stellen müssen. Nichts anderes tut RB Leipzig… und dies mit großen Erfolg. Ich glaube, dass da auch ein wenig Angst mitschwingt. Man muss künftig nicht mehr in den Süden schauen, sondern auch nach Leipzig. Ich würde mich freuen, wenn aus Angst Respekt würde.

Was trennt beide Vereine (noch) voneinander?

ZÜLCH: Ich könnte jetzt wieder mit dem leidvollen Thema „Tradition“ anfangen. Das ist es aber nicht. Diese Diskussion wird doch nur von einigen hundert Ultra-Anhängern im Alter von 16 bis 21 geführt… und dies teilweise substanzlos. Der Unterschied liegt m.E. aber tiefer. Der BVB hat es über Jahre geschafft, und dies insbesondere in den schwierigen Phasen Mitte der 80er Jahre und 2004 bis 2008, die Fans an sich zu binden. Der Verein ist ein Teil der Region und hat sich mit der Region über die letzten Jahre gewandelt. Verein und Region bilden ein Symbiose. Der eine kann nicht ohne den anderen. Der BVB erzeugt Empathie. RB Leipzig hingegen hat sicherlich mittlerweile eine beachtliche Fanbasis, aber die Verbundenheit zwischen RB und seinen Fans bzw. der Region ist (noch) nicht so stark ausgeprägt. Vielfach besteht immer noch das Gefühl, dass für den Verein die Stadt austauschbar zu sein scheint. Der sportliche Erfolg überdeckt Vieles. Das Thema „Identität erzeugen“ wird daher die Herausforderung für RB in den kommenden Jahren.

Borussia Dortmund ist neben den Bayern zurzeit einer der deutschen Vorzeigeclubs. Gern beschwört man die Unterschiede zu Vereinen wie Hoffenheim und RB Leipzig. Sind sich der BVB und RB Leipzig aber wirklich so fremd? Denn Sie verfolgen doch beide ein gemeinsames Ziel, und zwar den sportlichen Erfolg?

ZÜLCH: Beide Vereine sind sich ähnlicher als sie glauben. Der BVB ist als börsennotiertes Unternehmen klar strukturiert und als wirtschaftliches Erfolgsmodell angelegt. Geschäftsmodell, Strategie, exzellente Nachwuchsarbeit und attraktive Fußballspiele sind sowohl für den BVB als auch RB Leipzig das Markenzeichen und Ausdruck ihres Erfolgs. Beide sind für sich genommen Innovatoren im Bereich Fußball, indem neue Wege gegangen werden, bspw. in der Vermarktung des Teams und der Spiele. Der BVB ist das etablierte Unternehmen und RB Leipzig hingegen das aufstrebende, um Glaubwürdigkeit ringende Unternehmen.

Welche Rolle werden beide Vereine künftig in der Bundesliga einnehmen?

ZÜLCH: Beide Vereine werden der deutschen Bundesliga in den kommenden Jahren ihren Stempel aufdrücken und ihr gut tun. RB Leipzig wird der Innovator der Liga sein. Der Eventcharakter der Heimspiele wird sicherlich einmalig werden und der sportliche Erfolg in Form von Titeln wird langfristig nicht unrealistisch sein. Der BVB wird weiterhin ein Titelanwärter national wie international sein und unabhängig von Titeln für echte Fußballleidenschaft stehen. Beide Vereine sind daher wichtig für eine abwechslungsreiche Bundesliga in den kommenden Jahren.

Wie lautet Ihr Tipp für das erste Aufeinandertreffen beider Vereine am kommenden Samstag?

ZÜLCH: Aus Respekt vor RB Leipzig bleibt mein Tipp für diesen Spieltag aus. Mein Herz kennt das Ergebnis und das reicht.