Flipped Classroom: Laser statt mittelalterlicher Donnerbüchse

Flipped Classroom
Prof. John Bessant, Ph.D., Professor of Innovation and Entrepreneurship

Prof. John Bessant, Ph.D., Professor of Innovation and Entrepreneurship

Gemeinsam mit einem Team internationaler Kollegen führt Prof. John Bessant, Ph.D., Professor für Innovation und Entrepreneurship an der Business School der University of Exeter und leitender Wissenschaftler am Center for Leading Innovation and Business Creation (CLIC) der HHL, Experimente zum Konzept des Flipped Classroom an der HHL Leipzig Graduate School of Management durch. Im folgenden Interview spricht er über das Konzept, die Beteiligten sowie qualitativ hochwertigen Präsenzunterricht.

Was ist das Neue, Einzigartige am Konzept des Flipped Classroom?

Es werden gegenwärtig umfassende Diskussionen zur Idee des Flipped Classroom sowie zu verschiedenen Modellen, Instrumenten und Technologien zur Schaffung einer alternativen Lernerfahrung für die Studierenden geführt. Das große allgemeine Interesse wirft dabei wichtige Fragen zu Lehrplan und Wissensvermittlung auf und könnte, auf die Spitze getrieben, eine bedeutende disruptive Innovation im Bildungswesen darstellen.

Tatsächlich aber sind diese Ideen nicht neu – vielmehr bauen sie auf etablierten Modellen über das Lernen auf. Diese Entwicklung folgt typischerweise einem Zyklus von Erfahrung, Reflexion, Konzeptualisierung und Experimentieren. Was sich geändert hat, ist die Art und Weise, wie wir das Modell umsetzen. Universitäten nutzen traditionell eine Form der Konzeptvermittlung (meist eine Vorlesung), nach der die Studierenden dann über verschiedene Aufgaben das Gehörte untersuchen und reflektieren. Bei dem Modell des Flipped Classroom übernehmen die Studierenden einen Großteil der anfänglichen Recherche zum jeweiligen Thema mithilfe verschiedener Lernmaterialien, die ihnen zur Verfügung gestellt werden. Sie entwickeln daraufhin Ideen und Konzepte, die sie zur weiteren Untersuchung sowie zur Vertiefung und Erklärung durch die Dozenten mit in den Unterricht bringen. In diesem Fall werden Lehrende immer mehr zu ‚Lerncoaches‘.

Auch diese Idee ist nicht neu: Der Ansatz findet sich an der Universität Oxford bereits im 15. Jahrhundert. Das dort nach wie vor angewendete Tutorensystem ist ein altehrwürdiges Beispiel für das Flipped-Classroom-Konzept.

Einer der wohl größten Unterschiede besteht in den zugrunde liegenden Annahmen. Beim ‚traditionellen‘ Modell müssen die Lehrenden einschätzen, was sie einer Gruppe verschiedenster Studierender in Form ihrer Vorlesung vermitteln möchten. Im Gegensatz dazu bietet der Flipped Classroom den Lehrenden die Möglichkeit, ihren Beitrag der Bedürfnisse und Belange der einzelnen Studierenden entsprechend gezielter zu gestalten. Übertrieben ausgedrückt repräsentiert das Konzept eher ein Laserzielgerät als eine mittelalterliche Donnerbüchse.

Ein weiterer Wandel hat sich in der Präsentation vollzogen. Bislang war es sehr schwer, eine breite Palette an Ressourcen, die zu den verschiedenen Lernstilen der Studierenden passen, in einem leicht zugänglichen Format zur Verfügung zu stellen. Dank moderner Informationstechnologie sind solche maßgeschneiderten, flexiblen Lernplattformen leicht umzusetzen.

Benötigen wir einen neuen Typus Studierender oder Lehrender für dieses Konzept?

Und wieder lautet die Antwort Nein; jedoch müssen wir unsere Rollen und Verantwortlichkeiten überdenken. Beim Flipped-Classroom-Modell werden die Studierenden deutlich aktiver im Lernen, übernehmen dabei mehr Verantwortung für ihre Lernerfahrung und entdecken den Weg unter Anleitung der Lehrenden/Coaches. Das bedeutet ein größeres Arbeitspensum im Voraus, also vor dem Präsenzunterricht, in dem dann Fragen und Anliegen der Studierenden präziser behandelt werden können.

Für die Lehrenden besteht die Herausforderung darin, weniger Sender und mehr Coach zu sein. In der Praxis bedeutet dies die Vorbereitung von Lernmaterialien und die Anpassung dieser an die verschiedenen Lernstile und Erwartungen. Das Modell für den Präsenzunterricht basiert in Folge mehr auf Untersuchung unter Anleitung als auf traditioneller Wissensvermittlung durch Vorlesungen.

Für beide Gruppen ergeben sich also Herausforderungen und Chancen sowie die Notwendigkeit, neue Fähigkeiten beim Coaching, im Selbststudium, in der Forschung und anderen Bereichen anzuwenden.

Blicken wir in die Zukunft: Ist der Flipped Classroom schon das Ende der Fahnenstange oder erwarten Sie noch andere Konzepte?

Einmal mehr, nein – wir haben das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Es handelt sich lediglich um die aktuelle Etappe auf einer Reise; dabei geht es weniger um Ersetzen, sondern vielmehr um Erweitern. Der Flipped Classroom wird exzellenten Präsenzunterricht an einer Einrichtung wie der HHL nicht vollständig ersetzen können – nicht zuletzt, weil es enorm wichtig ist, sich mit anderen Studierenden auszutauschen und auf das qualitativ hochwertige, forschungsbasierte Wissen der Lehrenden zuzugreifen. Das Konzept bietet jedoch die Möglichkeit der Erweiterung des klassischen Unterrichts.

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